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Jetzt ist aber RTL in die Motorradberichterstattung eingestiegen.
Erhöht das den Druck auf Sie?
Jenkner: Die müssen erst mal Fuß fassen. Die Leute rennen jetzt
nicht von null auf hundert zum Fernseher und interessieren sich plötzlich
für unsere Sportart. Da liegt noch viel Arbeit vor uns. Ich habe
Verpflichtungen gegenüber meinem ausländischen Team, das mich
bezahlt. Aber dass mich jetzt ein Fernsehsender unter Druck setzt, das
wird nicht passieren.
Es gab in Hamburg jüngst einen Motorradgottesdienst mit 35 000
Teilnehmern. Was glauben Sie, wie viele davon etwas mit dem Namen Steve
Jenkner anfangen können?
Jenkner: Keine Ahnung. Wenn man das bei uns in Sachsen machen würde,
dann wären es 95 Prozent. Aber schon in den angrenzenden Bundesländern
wird das weniger. Dort fahren die Leute in ihrer Freizeit Motorrad und
interessieren sich nicht für die Rennen. Bei uns in Sachsen ist es
genau umgekehrt. Da fährt eigentlich niemand nur in der Freizeit
Motorrad, da ist das wirklich reiner Sport.
Wie ist das zu erklären, dass es unheimlich viele Freizeit- Motorradfahrer
gibt, aber der Sport - im Vergleich zur Formel 1 - doch weitgehend unbekannt
ist?
Jenkner: Das ist eine Frage der Aufbereitung. Auf die Formel 1 wirst du
doch an jeder Ecke mit der Nase drauf gestoßen, obwohl unsere Sportart
für den Zuschauer interessanter ist.
Finden Sie?
Jenkner: Na ja, bei uns wird das Rennen auf der Strecke - und nicht außerhalb
- entschieden. Man fährt nicht zum Reifenwechsel, man kann sich nicht
zu wenig oder zu viel Benzin holen, man muss nicht über mehrere Tage
warten, was passiert. Und dazu kommt eine gehörige Portion Action.
Würden Sie nicht trotzdem gerne mit Michael Schumacher tauschen?
Jenkner: Überhaupt nicht, der hat ja noch viel weniger Freizeit
als ich . . .
. . . aber ein bisschen mehr Geld.
Jenkner: Na gut, aber da bin ich nicht ganz so hinterher.
Trotzdem, wenn RTL jetzt Regie führt, dann wollen die auch einen
deutschen Star. Sind Sie der Sven Hannawald auf zwei Rädern?
Jenkner: Bis zu einem gewissen Punkt mache ich alles mit, aber ich
werde mich nicht mit Haut und Haaren verkaufen. Und auch der Sven Hannawald,
den ich mal kennen gelernt habe, rennt jetzt nicht von einem zum anderen.
Ich glaube, er ist immer noch ein ziemlich ruhiger Mensch.
Was sind Sie denn für ein Mensch? Ihr ehemaliger Teamchef Dirk
Raudies hat Ihnen mal vorgeworfen, dass Sie für den Motorradsport
zu wehleidig und nicht hart genug seien und zu wenig Biss hätten.
Jenkner: Diese Geschichten sind jetzt vier, fünf Jahre alt. Erstens
habe ich mich geändert, und wenn man ihn jetzt fragen würde,
dann würde sich das sicher ganz anders anhören.
Was hat sich denn bei Ihnen geändert?
Jenkner: Wenn er die Vorwürfe heute noch erheben würde,
dann würde er sich nur noch ein Lächeln einhandeln.
Stimmten die denn damals?
Jenkner: Für mich ist wichtig, wie wohl man sich in einem Team
fühlt. Ich habe mich damals schon nach drei Rennen nicht mehr wohl
gefühlt, und wenn dann die Einsatzbereitschaft nicht mehr so da ist,
halte ich das für normal.
Ist Ihr Job eigentlich gefährlicher als der eines Formel-1-Fahrers?
Jenkner: Viele sagen, unser Job ist gefährlicher, weil wir keine
Knautschzone haben. Aber ein Formel-1-Fahrer sitzt nach einem Unfall vielleicht
in seinem brennenden Auto fest. Ich denke, das Risiko ist gleich verteilt.
Sind Sie lebensmüde?
Jenkner: Bis zu einem gewissen Punkt ist alles berechenbar, was wir
machen. Bei einem technischen Defekt allerdings kann man nichts mehr machen,
darüber sollte man sich bewusst sein.
Was müsste Ihnen passieren, damit sie nicht mehr aufs Motorrad
steigen?
Jenkner: Ich habe auch schon einige Brüche und Prellungen gehabt,
zwischen fünf und zehn Knochen sind bestimmt schon gebrochen, aber
das heilt wieder. Dafür liebt man seinen Sport viel zu sehr, als
dass einen das zum Aufhören bringen könnte. Und so viele Unfälle
waren es ja gar nicht.
Liegt das vielleicht daran, dass Sie vorsichtiger fahren als andere?
Jenkner: Nein. Fahrer, die oft von ihrem Motorrad runterfallen, sind
nicht etwa risikofreudiger, sondern nicht so konzentrationsfähig.
Ist es der Rausch der Geschwindigkeit, der Sie am Motorradfahren fasziniert?
Jenkner: Nein, nicht nur. Es ist wie eine Sucht. Die Geschwindigkeit
fühlen wir gar nicht. Wenn ich 235 Stundenkilometer fahre, und einer
fährt mit 238 neben mir, komme ich mir verdammt langsam vor.
Was ist es dann?
Jenkner: Das hat viel mehr mit dem Kopf zu tun, als viele glauben. Der
Michael Schumacher ist auch nicht ein paar Mal Weltmeister geworden, weil
er am verrücktesten ist. Du versuchst überall noch ein paar
Zehntel rauszuholen, da kommen viele Faktoren zusammen. Das ist wie ein
Würfelspiel, das alle 14 Tage neu zusammengesetzt wird. Reifen, Fahrwerk,
Motor, plötzlicher Gegenwind, einsetzender Regen - da ist das ganze
Team gefordert, wer reagiert am schnellsten? Das ist für mich die
Faszination.
Fahren Sie zurückhaltender, seit Sie Vater sind?
Jenkner: Ich bin sogar schneller geworden . . .
. . . weil Sie schneller zu Hause sein wollen . . .
Jenkner: . . . das kann sein. Nein, wenn Leute sagen, ein Kind kostet
eine Sekunde, dann sollte Michael Schumacher mit drei Kindern am besten
gar nicht mehr fahren, weil er ja eh nicht mehr gewinnen kann. Ich sage
immer, ich muss schneller fahren, damit mein Sohn genug zu essen hat.
Wäre es Ihnen lieber, wenn Ihr Sohn sich einen anderen Sport
aussuchen würde?
Jenkner: Ich werde ihn mit Sicherheit nicht darauf stoßen. Aber
wenn er es selbst will, werde ich ihn unterstützen.
Hätten Sie eigentlich lieber einen Mannschaftssport ausgeübt?
Jenkner: Dazu bin ich zu egoistisch. Wenn du in einer Fußballmannschaft
hundert Prozent gibst, und drei Mann in der Abwehr spielen nicht richtig
mit, das würde mich rasend machen. Das könnte ich nicht aushalten.
Sie fahren immer noch mit dem eigenen Wohnmobil zum Rennen. Machen
Sie das aus Kostengründen?
Jenkner: Das machen fast alle bei uns so. Das ist nichts besonderes.
Aber sicher keine optimale Vorbereitung.
Jenkner: Das sehe ich anders. Ich kann dabei wunderbar abschalten
und habe Zeit zum Nachdenken.
Gibt es Freundschaften unter den Fahrern?
Jenkner: Ja, auch. Aber auf der Strecke nicht mehr.
Wie hart sind die Auseinandersetzungen?
Jenkner: Es wird in jeder Saison härter. Ich habe jetzt nach jedem
Rennen Spuren von anderen an meinem Motorrad. Es wird richtig mit Berührung
gefahren.
Wie wehrt man sich dagegen?
Jenkner: Ellenbogen einsetzen, was anderes hilft nicht.
Gibt es denn immer wieder einige Fahrer, die regelrecht Harakiri betreiben?
Jenkner: Ja, die sind bekannt.
Greift man sich die nach dem Rennen und stellt sie zur Rede?
Jenkner: Das muss man auf der Strecke regeln. Die kann man nur mit
gleichen Waffen schlagen, Reden hilft nicht viel. Es gibt zwar Regeln,
aber da lachen die drüber, das bringt gar nichts.
Sie bewegen sich häufig im Grenzbereich. Haben Sie Angst vorm
Tod?
Jenkner: Angst habe ich vorm Fliegen, in der Achterbahn oder auf dem Pferd,
also wenn ich etwas selbst nicht beeinflussen kann.
(Red. Hamburger Abendblatt)