Das "Hamburger Abendblatt" im Gespräch mit Steve



 

 
Herr Jenkner, mögen Sie eigentlich Interviews, oder ist das für Sie eher eine lästige Pflicht?
Jenkner: Was heißt mögen? Wer mag schon gerne für drei Stunden nach Hamburg fliegen und dann wieder nach Hause? Man macht es mit, weil wir ja unseren Sport voranbringen wollen. Aber sicher wäre es schöner, irgendwo am Strand zu liegen. Das ist doch normal.

Sie haben mal gesagt, dass sie gutes Material brauchen, dass sie die Fans brauchen - aber die Medien bräuchten Sie eigentlich nicht. Sehen Sie das immer noch so?
Jenkner: Wir brauchen die Medien, um unseren Sport betreiben zu können. Aber manche Spezialwünsche, die sich manche Journalisten so vorstellen, die brauche ich nicht.

Was sind das für Sachen?
Jenkner: Na ja, so Sachen im privaten Bereich für nichts und wieder nichts.

Jetzt ist aber RTL in die Motorradberichterstattung eingestiegen. Erhöht das den Druck auf Sie?
Jenkner: Die müssen erst mal Fuß fassen. Die Leute rennen jetzt nicht von null auf hundert zum Fernseher und interessieren sich plötzlich für unsere Sportart. Da liegt noch viel Arbeit vor uns. Ich habe Verpflichtungen gegenüber meinem ausländischen Team, das mich bezahlt. Aber dass mich jetzt ein Fernsehsender unter Druck setzt, das wird nicht passieren.

Es gab in Hamburg jüngst einen Motorradgottesdienst mit 35 000 Teilnehmern. Was glauben Sie, wie viele davon etwas mit dem Namen Steve Jenkner anfangen können?
Jenkner: Keine Ahnung. Wenn man das bei uns in Sachsen machen würde, dann wären es 95 Prozent. Aber schon in den angrenzenden Bundesländern wird das weniger. Dort fahren die Leute in ihrer Freizeit Motorrad und interessieren sich nicht für die Rennen. Bei uns in Sachsen ist es genau umgekehrt. Da fährt eigentlich niemand nur in der Freizeit Motorrad, da ist das wirklich reiner Sport.

Wie ist das zu erklären, dass es unheimlich viele Freizeit- Motorradfahrer gibt, aber der Sport - im Vergleich zur Formel 1 - doch weitgehend unbekannt ist?
Jenkner: Das ist eine Frage der Aufbereitung. Auf die Formel 1 wirst du doch an jeder Ecke mit der Nase drauf gestoßen, obwohl unsere Sportart für den Zuschauer interessanter ist.

Finden Sie?
Jenkner: Na ja, bei uns wird das Rennen auf der Strecke - und nicht außerhalb - entschieden. Man fährt nicht zum Reifenwechsel, man kann sich nicht zu wenig oder zu viel Benzin holen, man muss nicht über mehrere Tage warten, was passiert. Und dazu kommt eine gehörige Portion Action.

Würden Sie nicht trotzdem gerne mit Michael Schumacher tauschen?
Jenkner: Überhaupt nicht, der hat ja noch viel weniger Freizeit als ich . . .

. . . aber ein bisschen mehr Geld.
Jenkner: Na gut, aber da bin ich nicht ganz so hinterher.

Trotzdem, wenn RTL jetzt Regie führt, dann wollen die auch einen deutschen Star. Sind Sie der Sven Hannawald auf zwei Rädern?
Jenkner: Bis zu einem gewissen Punkt mache ich alles mit, aber ich werde mich nicht mit Haut und Haaren verkaufen. Und auch der Sven Hannawald, den ich mal kennen gelernt habe, rennt jetzt nicht von einem zum anderen. Ich glaube, er ist immer noch ein ziemlich ruhiger Mensch.

Was sind Sie denn für ein Mensch? Ihr ehemaliger Teamchef Dirk Raudies hat Ihnen mal vorgeworfen, dass Sie für den Motorradsport zu wehleidig und nicht hart genug seien und zu wenig Biss hätten.
Jenkner: Diese Geschichten sind jetzt vier, fünf Jahre alt. Erstens habe ich mich geändert, und wenn man ihn jetzt fragen würde, dann würde sich das sicher ganz anders anhören.

Was hat sich denn bei Ihnen geändert?
Jenkner: Wenn er die Vorwürfe heute noch erheben würde, dann würde er sich nur noch ein Lächeln einhandeln.

Stimmten die denn damals?
Jenkner: Für mich ist wichtig, wie wohl man sich in einem Team fühlt. Ich habe mich damals schon nach drei Rennen nicht mehr wohl gefühlt, und wenn dann die Einsatzbereitschaft nicht mehr so da ist, halte ich das für normal.

Ist Ihr Job eigentlich gefährlicher als der eines Formel-1-Fahrers?
Jenkner: Viele sagen, unser Job ist gefährlicher, weil wir keine Knautschzone haben. Aber ein Formel-1-Fahrer sitzt nach einem Unfall vielleicht in seinem brennenden Auto fest. Ich denke, das Risiko ist gleich verteilt.

Sind Sie lebensmüde?
Jenkner: Bis zu einem gewissen Punkt ist alles berechenbar, was wir machen. Bei einem technischen Defekt allerdings kann man nichts mehr machen, darüber sollte man sich bewusst sein.

Was müsste Ihnen passieren, damit sie nicht mehr aufs Motorrad steigen?
Jenkner: Ich habe auch schon einige Brüche und Prellungen gehabt, zwischen fünf und zehn Knochen sind bestimmt schon gebrochen, aber das heilt wieder. Dafür liebt man seinen Sport viel zu sehr, als dass einen das zum Aufhören bringen könnte. Und so viele Unfälle waren es ja gar nicht.

Liegt das vielleicht daran, dass Sie vorsichtiger fahren als andere?
Jenkner: Nein. Fahrer, die oft von ihrem Motorrad runterfallen, sind nicht etwa risikofreudiger, sondern nicht so konzentrationsfähig.

Ist es der Rausch der Geschwindigkeit, der Sie am Motorradfahren fasziniert?
Jenkner: Nein, nicht nur. Es ist wie eine Sucht. Die Geschwindigkeit fühlen wir gar nicht. Wenn ich 235 Stundenkilometer fahre, und einer fährt mit 238 neben mir, komme ich mir verdammt langsam vor.

Was ist es dann?
Jenkner: Das hat viel mehr mit dem Kopf zu tun, als viele glauben. Der Michael Schumacher ist auch nicht ein paar Mal Weltmeister geworden, weil er am verrücktesten ist. Du versuchst überall noch ein paar Zehntel rauszuholen, da kommen viele Faktoren zusammen. Das ist wie ein Würfelspiel, das alle 14 Tage neu zusammengesetzt wird. Reifen, Fahrwerk, Motor, plötzlicher Gegenwind, einsetzender Regen - da ist das ganze Team gefordert, wer reagiert am schnellsten? Das ist für mich die Faszination.

Fahren Sie zurückhaltender, seit Sie Vater sind?
Jenkner: Ich bin sogar schneller geworden . . .

. . . weil Sie schneller zu Hause sein wollen . . .
Jenkner: . . . das kann sein. Nein, wenn Leute sagen, ein Kind kostet eine Sekunde, dann sollte Michael Schumacher mit drei Kindern am besten gar nicht mehr fahren, weil er ja eh nicht mehr gewinnen kann. Ich sage immer, ich muss schneller fahren, damit mein Sohn genug zu essen hat.

Wäre es Ihnen lieber, wenn Ihr Sohn sich einen anderen Sport aussuchen würde?
Jenkner: Ich werde ihn mit Sicherheit nicht darauf stoßen. Aber wenn er es selbst will, werde ich ihn unterstützen.

Hätten Sie eigentlich lieber einen Mannschaftssport ausgeübt?
Jenkner: Dazu bin ich zu egoistisch. Wenn du in einer Fußballmannschaft hundert Prozent gibst, und drei Mann in der Abwehr spielen nicht richtig mit, das würde mich rasend machen. Das könnte ich nicht aushalten.

Sie fahren immer noch mit dem eigenen Wohnmobil zum Rennen. Machen Sie das aus Kostengründen?
Jenkner: Das machen fast alle bei uns so. Das ist nichts besonderes.

Aber sicher keine optimale Vorbereitung.
Jenkner: Das sehe ich anders. Ich kann dabei wunderbar abschalten und habe Zeit zum Nachdenken.

Gibt es Freundschaften unter den Fahrern?
Jenkner: Ja, auch. Aber auf der Strecke nicht mehr.

Wie hart sind die Auseinandersetzungen?
Jenkner: Es wird in jeder Saison härter. Ich habe jetzt nach jedem Rennen Spuren von anderen an meinem Motorrad. Es wird richtig mit Berührung gefahren.

Wie wehrt man sich dagegen?
Jenkner: Ellenbogen einsetzen, was anderes hilft nicht.

Gibt es denn immer wieder einige Fahrer, die regelrecht Harakiri betreiben?
Jenkner: Ja, die sind bekannt.

Greift man sich die nach dem Rennen und stellt sie zur Rede?
Jenkner: Das muss man auf der Strecke regeln. Die kann man nur mit gleichen Waffen schlagen, Reden hilft nicht viel. Es gibt zwar Regeln, aber da lachen die drüber, das bringt gar nichts.

Sie bewegen sich häufig im Grenzbereich. Haben Sie Angst vorm Tod?
Jenkner: Angst habe ich vorm Fliegen, in der Achterbahn oder auf dem Pferd, also wenn ich etwas selbst nicht beeinflussen kann.

(Red. Hamburger Abendblatt)


Zum Seitenanfang / Top of the page